Zurück zum Blog
Elternratgeber April 23, 2026 9 Min. Lesezeit

Wie spricht man mit dem Kind über Legasthenie?

Teil der SerieElternhandbuch
Teil 9 / 12

Ein 12 teiliger Leitfaden für Eltern auf der Legasthenie Reise ihres Kindes.

Ein Elternteil und ein Kind sitzen nebeneinander auf einer Bank in einem ruhigen Gespräch

Sie haben die Diagnose, Sie haben den Bericht gelesen, Sie haben einen Teil der Fragen in Ihrem eigenen Kopf beantwortet. Dann schaut Ihr Kind zu Ihnen hoch und stellt eine leise Frage: “Ist mit mir etwas nicht in Ordnung?” Oder es fragt nie, es ist einfach still.

Das ist der Moment, in dem fast jedes Elternteil ankommt, ohne es auszusprechen: Wie sage ich es ihm? Dieser Beitrag handelt davon, warum dieses Gespräch zählt und wie Sie es nach dem Alter Ihres Kindes gestalten können.

Warum Schweigen nicht hilft

Viele Eltern entscheiden sich, die Diagnose lange Zeit nicht zu teilen, in der Hoffnung, das Kind zu schützen. Die Absicht ist gut. “Es ist noch zu klein, es versteht das nicht” oder “Ein Etikett lässt es sich anders fühlen”. In der Praxis bietet dieses Schweigen selten den erhofften Schutz.

Ihr Kind hat längst gespürt, dass etwas bei ihm anders läuft. Es merkt, wie es bei Wörtern stockt, während Freunde flüssig lesen, es merkt, wie die Aufmerksamkeit der Lehrkraft anders auf es fällt, es merkt, dass Hausaufgaben bei ihm länger dauern als bei den anderen. Besonders ab den ersten Grundschuljahren vergleichen sich Kinder mit Gleichaltrigen.

Eine Schwierigkeit ohne Namen ist schwerer als eine mit Namen. Denn der leere Raum bleibt nicht leer, das Kind baut sich seine eigene Theorie:

  • “Ich bin faul”
  • “Ich bin nicht klug”
  • “Mit mir stimmt etwas nicht, aber keiner sagt es mir”

Diese inneren Theorien setzen über die Jahre Risse ins Fundament des Selbstvertrauens.

Eine klare, altersgerechte Sprache füllt diesen Raum. Sobald ein Kind erfährt, dass das, womit es lebt, einen Namen hat, wird aus “Ich bin kaputt” der Rahmen “Mein Gehirn arbeitet so, das ist nur eine Andersartigkeit”. Den Grundbeitrag dazu, was Legasthenie ist zuerst zu lesen, lässt Sie den Hintergrund der Sprache verstehen, die Sie mit Ihrem Kind verwenden, und macht das Gespräch ruhiger.

Wann das Gespräch führen?

Der Tag, an dem die Diagnose kommt, ist meist nicht der richtige Moment. An diesem Tag sind Eltern und Kind emotional gesättigt, Informationen stapeln sich, alles fühlt sich verschwommen an. Ein paar Tage warten hilft.

Wie ein guter Moment aussieht

  • Ein ruhiger Moment: ein Wochenendmorgen nach dem Frühstück, ein Spaziergang, eine Autofahrt
  • Nebeneinander: eine Sitzposition ohne erzwungenen Blickkontakt, Kinder teilen Gefühle freier
  • Nicht müde: nicht direkt nach der Lese-Hausaufgabenspannung, nicht an einem müden Abend
  • Tür offen: das erste Gespräch muss nicht alles abdecken, es ist ein Anfang

Ein erstes Gespräch ist nicht das einzige. Während Ihr Kind das Thema verarbeitet und wächst, kommt dasselbe Gespräch in neuen Formen zurück. Es gibt kein einzelnes perfektes Skript, nur einen Dialog, der mit der Zeit tiefer wird.

4 bis 6 Jahre: Die frühe Phase

Bei kleinen Kindern müssen Sie das Wort “Legasthenie” nicht verwenden, aber Sie müssen auch nicht schwindeln. Einfache, metaphorische Sprache funktioniert hier gut. In diesem Alter geht es um ein Gefühl emotionaler Sicherheit: Etwas ist anders, aber diese Andersartigkeit macht dich nicht weniger.

Ein Beispielanfang

“Weißt du, jedes Gehirn arbeitet ein bisschen anders. Dein Gehirn erkennt Buchstaben etwas langsamer, aber das hat nichts damit zu tun, wer du bist, das ist einfach die Art, wie dein Gehirn arbeitet. Du erzählst sehr gut Geschichten, weißt du noch, wie du gestern deinem Bruder die lange Geschichte erzählt hast?”

Diese Sprache lädt das Kind ein, anzuerkennen, dass die Schwierigkeit echt ist, und benennt zugleich seine Stärke.

Wortwahl in diesem Alter

StattVersuchen Sie
KrankheitAndersartigkeit
ProblemDeine eigene Art
Fehler / MangelDein eigener Stil
”Du bist so klug” (allgemein)“Wie du gestern geplant hast, wie der Held den Bösewicht besiegt, fand ich toll” (konkret)

Kleine Kinder erinnern sich an konkretes Lob und machen es zu einem Teil ihrer Identität. Während des Gesprächs zusammen zu zeichnen oder mit Bausteinen zu spielen, wirkt manchmal stärker als sich gegenüber zu sitzen.

7 bis 10 Jahre: Grundschulalter

In diesem Alter sind Kinder reif genug, das Wort “Legasthenie” zu hören, und das Wort selbst bringt meist eine Erleichterung. Zu wissen, dass das, womit man lebt, einen Namen hat, gibt das Gefühl “Ich bin also nicht allein, das gibt es auch bei anderen”.

Ein Beispielanfang

“Ich möchte mit dir über etwas sprechen. Du weißt, dass dir das Lesen manchmal schwerfällt und dass Hausaufgaben bei dir länger dauern als bei deinen Freunden. Das hat einen Namen, es heißt Legasthenie. Es bedeutet, dass bei manchen Menschen Buchstaben und Laute etwas langsamer ins Gehirn einsinken. Das hat nichts damit zu tun, wie klug du bist, es ist nur eine andere Art zu lernen. Millionen Menschen auf der Welt haben ein Gehirn, das so arbeitet.”

Vorbereitete Antworten auf häufige Fragen in diesem Alter

“Bin ich dumm?”

“Nein. Legasthenie hat nichts damit zu tun, wie klug du bist. Viele Menschen mit Legasthenie sind sehr klug, Lesen ist nur eine Fähigkeit, die bei ihnen mehr Übung braucht.”

“Warum lesen meine Freunde so leicht?”

“Weil ihre Gehirne Buchstaben etwas schneller erkennen. Das heißt nicht, dass sie in einem Rennen vor dir sind. Es gibt andere Bereiche, in denen du vor ihnen bist.”

“Geht das wieder weg?”

“Legasthenie geht nicht weg, aber Lesen wird mit der Zeit leichter. Das Gehirn findet beim Üben neue Wege. Du wirst über die Jahre einen großen Unterschied spüren.”

Diese Antworten sind keine Skripte, sondern Ausgangspunkte, die Sie für Ihr Kind anpassen. Wichtig ist, dass die Antwort ehrlich und warm ist und dass die Tür offen bleibt.

Ab 11 Jahren: Jugendalter

Im Jugendalter ändert sich der Ton des Gesprächs. Sie sprechen jetzt mit einem erwachseneren Geist, und eine offene, ehrliche Sprache funktioniert besser als vereinfachte Metaphern. In diesem Alter ist es sinnvoll, über Legasthenie als Teil der Identität zu sprechen. Identität ist nichts, was man wegwischt, sondern etwas, das man sich aneignet.

Ein Beispielanfang

“Ich möchte mit dir etwas offener über Legasthenie sprechen, weil du in einem Alter bist, in dem du anfängst, eigene Entscheidungen über dich zu treffen. Legasthenie ist nicht nur eine Lesefrage, sie ist die Art, wie dein Gehirn die Welt ein bisschen anders verarbeitet. Das ist kein Mangel, nur eine Andersartigkeit. Viele Künstler, Architekten, Ingenieure und Unternehmer haben Legasthenie. Du entscheidest selbst, wie du diesen Teil von dir trägst.”

Rollenvorbilder, aber ohne Druck

Eine Sache, die Jugendliche stärkt, ist es, die Geschichten bekannter Persönlichkeiten mit Legasthenie kennenzulernen. Diese Geschichten machen konkret, dass Legasthenie kein Hindernis ist, sondern eine andere Art der Verarbeitung.

Vorsicht: Ein Rahmen wie “Einstein hatte Legasthenie, also musst du auch erfolgreich sein” setzt das Kind unter Druck. Das Ziel ist nicht Druck, sondern Weite. Geschichten sind zum Inspirieren da, nicht zum Vergleichen.

Selbstvertretung Schritt für Schritt

Ein wichtiges Thema in diesem Alter ist, dass das Kind seine eigenen Bedürfnisse in der Schule benennen kann. Um Zeitzuschlag bei einer Prüfung zu bitten, mit der Lehrkraft über das Lernen zu sprechen, das nährt sowohl Selbstvertrauen als auch Unabhängigkeit.

  • Stehen Sie zunächst daneben und sprechen Sie die Sätze vor
  • Ziehen Sie sich dann mit “Möchtest du es dieses Mal selbst sagen?” langsam zurück
  • Die Fähigkeit kommt nicht an einem Tag, sie wächst über die Jahre mit kleinen Versuchen

Es ausdrücklich klarzumachen, dass das Kind ein Recht hat, seine Bedürfnisse zu nennen, ist langfristig eines der stärksten Vermächtnisse.

Einen fortlaufenden Dialog aufbauen

Ein erstes Gespräch ist nicht das einzige. Über die Jahre kehrt Legasthenie in verschiedenen Momenten in verschiedener Form zurück:

  • Nach einer Prüfung
  • Nach einem Missverständnis mit einer neuen Lehrkraft
  • Nach einem unangenehmen Spruch eines Freundes

Fragen, die die Tür offen halten

“Wie hat sich das Lesen diese Woche in der Schule angefühlt?”

Eine Frage, die nicht lenkt, aber dem Kind signalisiert, dass das Thema nicht vergessen ist. Die Antwort ist mal ein Schulterzucken, mal drei Wörter, mal eine lange Erzählung. Alle sind wertvoll. Wichtig ist, dass das Kind weiß, die Frage wird gestellt.

Die Wahl des Rahmens ist entscheidend

Rahmen “Du bist ein Problem”Rahmen “Wir gehen zusammen"
"Ich versuche dich zu reparieren""Wir lösen das gemeinsam"
"Mit dir stimmt etwas nicht""Das ist deine Art, ich bin an deiner Seite”
Kind als ObjektKind als Partner

Die Sprache, die Sie wählen, prägt, wie Ihr Kind sich in Jahren selbst sieht.

Sie können auch Ihre eigenen Gefühle in gemessenen Dosen teilen. Ein Satz wie “Ich bin stolz auf dich, ich sehe, wie sehr du am Lesen arbeitest” lässt das Kind spüren, dass es gesehen wird und dass die Mühe wertgeschätzt wird.

Wann ist professionelle Hilfe nötig?

Emotionale Unterstützung deckt vieles ab, was Eltern geben können, aber es gibt Momente, in denen der Schritt zu einer Fachperson richtig ist. Wenn Sie diese Zeichen sehen, ist es Zeit, mit einer Kinder- oder Jugendpsychologin oder einer kinder- und jugendpsychiatrischen Fachperson zu sprechen:

  • Anhaltende Anzeichen von Depression
  • Starke Angst
  • Sozialer Rückzug
  • Anzeichen von Selbstverletzung

Auch die Schulpsychologie ist eine gute erste Anlaufstelle.

Kindlexy ist keine Klinik, und kein Blogbeitrag ersetzt eine psychotherapeutische Fachperson. Dieser Beitrag bietet nur einen Rahmen für ein erstes Gespräch. Einen Termin zu vereinbaren bedeutet nicht, dass Ihr Kind “ein Problem” ist, es bedeutet, dass Sie sein Wohlergehen ernst nehmen.

Was bleibt

Das erste Gespräch muss nicht perfekt sein, nur offen. Ihr Kind wird sich Jahre später wahrscheinlich nicht an die genauen Worte erinnern, aber es trägt das Gefühl mit: “Mein Elternteil war ehrlich mit mir, ich habe gespürt, dass ich darüber sprechen kann.” Dieses Gefühl ist das wertvollste Vermächtnis.

  • Einfach genug für das Alter
  • Trägt Stärke, nicht Scham
  • Erster Schritt eines fortlaufenden Dialogs, nicht eine einmalige Erklärung

Sie müssen nicht jeden Satz auf die richtige Weise sagen. Offen zu sein ist wichtiger als perfekt zu sein.

Weitere Ratgeberbeiträge finden Sie im Blog auf kindlexy.com, dort gibt es weitere Texte zum Selbstvertrauen und zur Identität Ihres Kindes.

Quellen