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Elternratgeber April 22, 2026 9 Min. Lesezeit

Tägliche Wege zur Unterstützung legasthener Kinder zu Hause

Teil der SerieElternhandbuch
Teil 8 / 12

Ein 12 teiliger Leitfaden für Eltern auf der Legasthenie Reise ihres Kindes.

Der Abendtisch ist abgeräumt, das Hausaufgabenheft liegt noch aufgeschlagen da, Ihr Kind versucht zum dritten Mal denselben Absatz zu lesen, und die Luft im Zimmer wird langsam schwer. Liebe ist da, Anstrengung ist da, der gute Wille ist auf beiden Seiten hoch, aber die Methode ist unklar.

Ein legasthenes Kind zu Hause zu unterstützen, ist im Grunde keine Frage der Liebe, sondern der Routine. Dieser Beitrag fasst kleine, tragfähige Gewohnheiten zusammen, die Sie vor oder nach einer Diagnose noch heute Abend zu Hause umsetzen können.

Wenn Sie sich für den neurologischen Hintergrund der Legasthenie interessieren, ist unser Grundlagenartikel zu Legasthenie ein guter erster Schritt. Dieser Ratgeber richtet sich an die Frage, die nach der Definition kommt: Heute Abend, am Tisch, was kann ich gerade jetzt tun?

Ein Elternteil und ein Kind lesen gemeinsam auf dem Sofa ein Buch

Eltern sind keine Schule: Ihre Rolle ist die der Unterstützung

Was die Lesekompetenz eines legasthenen Kindes wirklich voranbringt, ist ein strukturierter, evidenzbasierter Unterricht. Diesen Unterricht leisten eigens ausgebildete Lehrpersonen, Fachleute der Sonderpädagogik oder schulinterne Förderangebote. Das Zuhause tritt nicht an die Stelle dieses Unterrichts.

Kein Elternteil muss abends müde heimkommen und dann eine dreistündige Leseförderung durchführen. Eine solche Erwartung ist weder realistisch noch sinnvoll, sie erschöpft meistens sowohl das Kind als auch den Elternteil.

Das Zuhause übernimmt eine andere Rolle. Wichtig ist hier, ein Vertrauensfundament, emotionale Unterstützung und eine ruhige Umgebung zu bieten, in der gelernte Fertigkeiten wiederholt werden können. Ihre Aufgabe ist nicht, Sonderpädagogin oder Sonderpädagoge zu werden. Ihre Aufgabe ist es, der Mensch zu sein, der neben dem Kind steht, seine Geduld bewahrt und das Kind in Momenten des Scheiterns nicht allein lässt.

Diese Unterscheidung von Anfang an im Kopf zu haben, bewahrt das Zuhause davor, zum Lernraum zu werden. Der Tisch ist dann kein Klassenzimmer mehr, sondern einfach ein Ort, an dem man gemeinsam Zeit verbringt. Schon diese kleine Umrahmung nimmt einen grossen Teil der Spannung.

Sechs Gewohnheiten, die Sie täglich anwenden können

Die folgenden Gewohnheiten sind forschungsnah, lassen sich an den Alltag anpassen und sind kostengünstig. Ziel ist nicht, alle gleichzeitig einzuführen. Beginnen Sie heute mit einer, fügen Sie nächste Woche eine weitere hinzu.

1. Nehmen Sie Hörbücher ernst

Ein Kind hört mit Kopfhörern ein Hörbuch

“Ein Hörbuch zu hören ersetzt das Lesen nicht” ist eine verbreitete Annahme. Genauer gesagt: Hörbücher sollen das Lesen auch nicht ersetzen, sie sollen neben ihm hergehen. Während es einer Geschichte lauscht, wächst der Wortschatz des Kindes, Satzmuster verankern sich, und das Gespür dafür, wie eine Erzählung aufgebaut ist, entwickelt sich. All das bildet die kognitive Grundlage, auf der das Lesen ruht.

Praktische Vorschläge:

  • Zwei oder drei kurze Einheiten von zwanzig Minuten pro Woche
  • Gemeinsames Hören im Auto oder vor dem Schlafen
  • Hörbuchsammlungen über Kinderbuchhandlungen und Bibliotheks-Apps
  • Wenn Ihr Kind das gedruckte Buch derselben Geschichte später aufschlägt, ist das ein Moment von Gold

2. Das Ritual des abwechselnden Lesens

Sie lesen einen Satz, Ihr Kind liest den nächsten. Das Kind überlässt die Hälfte der Sätze Ihnen und muss daher nicht an jedem Wort straucheln. Ihr Vorlesen vermittelt die richtige Aussprache und den Rhythmus, das Lesen des Kindes ist die Übungsgelegenheit.

Beste Zeit: die zehn Minuten vor dem Schlafengehen. Der Tag ist vorbei, der Hausaufgabenberg liegt hinter Ihnen, das Buch wird aus Liebe gelesen. Diese zehn Minuten sind zugleich Leseübung und Verbindungsmoment.

3. Fördern Sie die Fachkunde Ihres Kindes

Jedes Kind hat eine verborgene oder offene Neugier. Fussball, Weltraum, Dinosaurier, Sammelkarten, Katzen, Autos. Für ein legasthenes Kind ist diese Neugier von unschätzbarem Wert, denn über ein Thema, das es liebt, liest ein Kind ohne Scheu und will sogar schwierige Wörter aus eigener Motivation lernen. In diesem Bereich zum Experten zu werden, erzeugt ein Erfolgserlebnis, das dem in anderen Bereichen empfundenen Gefühl der Unzulänglichkeit das Gleichgewicht hält.

Praktisch bedeutet das, altersgerechte oder manchmal einfachere Bücher, Zeitschriften und Alben zum Lieblingsthema Ihres Kindes bereitzuhalten. Allein der Gang in die Bibliothek, um durch die Regale dieses Themas zu streifen, kann zu einem Ritual werden.

4. Setzen Sie eine Grenze für die Hausaufgabenzeit

Ein legasthenes Kind schafft eine Aufgabe, die Altersgenossen in fünfzehn Minuten erledigen, mitunter nicht einmal in vierzig Minuten. Der Kampf mit nicht endenden Hausaufgaben zermürbt das Kind und den Elternteil zugleich. Gesund ist es, eine bestimmte Zeit zu arbeiten und danach aufzuhören. Aufhören ist kein Versagen, es ist eine Grenze.

Offener Dialog mit der Lehrperson:

Statt “mein Kind weint zu Hause” versuchen Sie “für diese Aufgaben würde uns folgende Anpassung helfen”

Der zweite Rahmen wird in der Regel besser aufgenommen.

5. Zwei Minuten Gespräch am Tag

Die emotionale Last eines Schultages findet oft nicht den Weg in Worte. Wenn Ihr Kind sich im Unterricht schwergetan hat, sich vor Freunden für langsames Lesen geschämt hat oder an einem Kommentar einer Lehrperson hängengeblieben ist, ist es schwer, dieses Gefühl alleine zu verarbeiten. Schon zwei Minuten Gespräch pro Abend erleichtern diese Last.

Zwei einfache Fragen reichen:

  • “Was war der schönste Moment deines Tages?”
  • “Was war der schwierigste Moment deines Tages?”

Urteilsfreies Zuhören ist das Entscheidende. Antworten sind manchmal kurz, manchmal nur angedeutet. Je mehr das Kind lernt, sein Gefühl in Worte zu fassen, desto leichter lässt es sich bearbeiten. Wenn Sie diesen Austausch nicht als “Problemlösemoment”, sondern als “Beisammensein-Moment” verstehen, tut Ihr Kind es auch.

6. Akzeptieren Sie das Prinzip der “schlechten Tage”

Jedes Kind hat schlechte Tage, bei einem legasthenen Kind fallen sie etwas deutlicher auf. Ein Absatz, der gestern mühelos gelesen wurde, wird heute vielleicht nicht entschlüsselt. Eine Regel, die letzte Woche gelernt wurde, scheint diese Woche vergessen. Diese Unbeständigkeit ist ein natürlicher Teil des Lernprozesses des Gehirns, keine Rückentwicklung.

An solchen Tagen das Üben zu erzwingen, hilft niemandem. “Du bist heute müde, wir versuchen es morgen wieder” zu sagen, bietet dem Kind einen sicheren Raum ohne Urteil und erkennt an, dass Lernen nicht linear ist. Wenn das Kind sich auch an schwierigen Tagen geliebt fühlt, übt es an guten Tagen mit grösserer Lust.

Drei Gewohnheiten, die besser vermieden werden

Einige verbreitete Reflexe entstehen aus guter Absicht, schaden aber auf lange Sicht.

Das Zuhause in einen Nachhilferaum verwandeln. Am Abend noch zwei Stunden extra Lesen anzusetzen, wirkt auf den ersten Blick aufopfernd. In der Praxis erschöpft es den Aufmerksamkeitsmuskel, den das Kind in der Schule bereits beansprucht hat, weiter und verwandelt die Familienbeziehung in eine Unterrichtsbeziehung. Das Zuhause ist erst Familie, dann alles andere.

Vergleiche mit Geschwistern. Ein Satz wie “deine grosse Schwester hat in deinem Alter schon Romane gelesen” dreht die innere Stimme des Kindes in einem Augenblick ins Negative. Jedes Kind schreitet in seinem eigenen Tempo voran, auch Geschwister sind keine Kopien voneinander. Vergleich erzeugt ein Wettkampfgefühl statt Liebe.

Sich selbst bestrafen, wenn die Geduld reisst. An einem Abend haben Sie vielleicht die Geduld verloren, die Stimme ist laut geworden. Das macht Sie nicht zu einem schlechten Elternteil. Eine ruhige Entschuldigung am nächsten Tag und ein neuer Anfang reichen. Perfekte Eltern gibt es nicht, und Kinder suchen ohnehin keine Perfektion, sie suchen beständige Liebe.

Geschwister und Familiendynamik

Ein Elternteil spaziert im Park mit zwei Geschwistern

Rund um ein Kind, das eine Diagnose erhält, versammelt sich die Familie meist ganz natürlich. Diese Nähe ist nötig, doch wenn sie nicht achtsam gestaltet wird, können sich die anderen Geschwister übersehen fühlen. Besonders akademisch erfolgreiche Geschwister ziehen sich still zurück, wenn sie spüren, dass die elterliche Aufmerksamkeit immer zum Kind wandert, das sich schwertut.

Einzelzeit mit jedem Geschwister

Selbst eine kurze Einzelzeit pro Woche mit jedem Kind hält dieses Gleichgewicht:

  • Ein Spaziergang von fünfzehn Minuten
  • Ein gemeinsames Spiel
  • Ein kurzes Gespräch vor dem Einschlafen

Kleine Momente vermitteln dem Geschwister die Botschaft “auch du wirst gesehen”.

Geschwistern Legasthenie erklären

Ein altersgerechtes, offenes Gespräch mit den Geschwistern über die Diagnose ist ebenso wichtig. Wenn Geschwister nicht wissen, was los ist, bauen sie eigene Theorien, und diese Theorien sind in der Regel schwerer als die Wirklichkeit.

Die Erklärung muss nicht kompliziert sein:

“Dein Geschwister lernt die Buchstaben über einen etwas anderen Weg, deshalb braucht es für das Lesen etwas mehr Zeit. Das bedeutet nicht, dass du schlauer oder es weniger schlau bist, eure Gehirne machen manche Dinge einfach anders.”

Die Fragen der Geschwister geduldig und sachlich zu beantworten, schafft langfristig eine gesündere gemeinsame Sprache in der gesamten Familie.

Seien Sie auch zu sich selbst gütig

Ein erschöpftes Elternteil kann selbst die besten Strategien nicht durchhalten. Da Sie die wertvollste Stütze Ihres Kindes sind, ist auch Ihre Ruhe eine Investition. Kein Egoismus, sondern die Bedingung dafür, dass diese Rolle tragfähig bleibt.

  • Ein kurzes Telefonat mit einer Freundin
  • Ein halbstündiger Spaziergang
  • Ein Austausch in einer anderen Elterngruppe
  • Ein ruhiges Buch, Musik, was Sie nährt

Kindlexy versucht in diesem Punkt so etwas wie ein Hintergarten zu sein. Beiträge in ruhigem Ton, eine Stimme, die keine Dringlichkeit verkauft, ein Raum, in dem der Elternteil nicht allein ist. Das ist keine Klinik, es bietet keine Diagnose oder Therapie. Es ist eine Quelle, die zu Hause anwendbare Praktiken und die dahinterstehende Forschung mit Eltern teilt.

Wenn Sie eine schwierige Woche hinter sich haben, erinnern Sie sich daran, dass die Sanftmut, die Sie sich selbst zeigen, die Bedingung für die Sanftmut ist, die Sie Ihrem Kind zeigen können. Sich zu sagen “ich habe heute genug getan”, gehört ebenfalls zur Elternschaft.

Wo Sie weitergehen können

Jede Empfehlung in diesem Beitrag ist ein kleiner Schritt, und zusammen machen sie einen Unterschied. Heute nur eine davon auszuwählen und sie diese Woche umzusetzen, ist schon ein Anfang (zum Beispiel zehn Minuten abwechselnden Lesens vor dem Schlafen). Wenn Sie ein Jahr später zurückblicken, werden Sie sehen, dass diese kleinen Gewohnheiten die Beziehung Ihres Kindes zum Lesen still und leise verändert haben.

Für weitere praktische Anleitungen schauen Sie sich die weiteren Beiträge des Elternratgebers an. Unsere kostenlosen Lesewerkzeuge für legasthene Leserinnen und Leser sind ebenfalls eine Quelle, die sich ruhig in Ihren Alltag einfügt, auf kindlexy.com.

Unterstützung zu Hause muss nicht perfekt sein. Beständigkeit reicht.

Quellen